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Ein ganz normaler Tag

 

An diesem sonnigen Tag warfen die Bäume ungewöhnlich kurze Schatten, als ob sie Angst hätten mit ihrer kühlen Dunkelheit den kleinen Tieren und Pflanzen die Wärme zu entlocken. Der prächtige Anblick der goldroten Sonne, blieb also kaum jemanden verborgen, weder den Raupen, noch dem gemeinen, verbitterten Löwenzahn. Alle schienen so lebhaft und bewegt zu sein, drehten ihre Blätter und Köpfe in die Richtung wo die warme, goldene Kugel am Himmel scheinbar schwerelos zwischen den wenigen Wolken jonglierte. Sogar die Menschen schienen lockerer und lässigerer als sonst zu eilen. Sie ließen einen Teil ihrer Hüllen daheim oder trugen sie über den Arm gelegt, manche von Ihnen konnten sogar wieder unbeschwert lachen. Ganz besondere Freude empfanden die kleinen Jungen und Mädchen, endlich wie ein Schmetterling von seinem Kokon, sich von ihrer schweren Kleidung zu befreien. Sie genossen die natürliche Bewegungsfreiheit Ihres Körpers und keiner von Ihnen dachte daran mit Steine auf Vögel zu werfen, oder gar an Katzenschwänzen zu ziehen. Nur die Regenwürmer waren nicht besonders begeistert über das was um Sie herum geschah. Die Erde war noch weich und saftig, aber Sie alle wussten, dass in ein paar Stunden das unterirdische Reich hart und trocken, ihre Arbeit schwer und mühsam sein würde. Die Älteren unter Ihnen hatten solche Tage schon mehrfach erlebt, deshalb wühlten Sie sich in Richtung der Bäume, um unter Ihren Wurzeln Schutz und Geborgenheit zu finden. Im Hinterhof eines großen Mietshauses, das schon lange Jahre hier stand, sah ich plötzlich ein kleines Mädchen, dass ich vorher hier noch nie gesehen hatte. Ihre gebogene Körperhaltung machte mich neugierig und so beschloss ich, auf Sie zu zugehen. Als Sie mich bemerkte sah Sie mich verwundert an, schien etwas verängstigt, dann aber irgendwie erwartungsvoll. Ich kam näher, senkte meinen Kopf und dann begriff ich. Sie spielte Murmeln. So wie ich es vor unzähligen Jahren tat. Meine Erinnerung lähmte mich völlig und ich wehrte mich nicht dagegen. Ich zwang mir ein Lächeln auf, welches aber bereitwillig ein Schmunzeln wurde. Sie blickte erstaunt, schenkte mir aber dennoch ein Lächeln. Es war sicherlich ungewöhnlich, dass Ihr beim Spiel ein Erwachsener zusah, dennoch verband uns das Lächeln.Ich schaute nur wenige Minuten zu, da sah ich einen großen, schwarzen Schatten, der wie ein Drachen auf uns zukam. Ich sah in den Himmel. Eine große schwarze Wolke bedeckte den Himmel und die Sonne gab sich geschlagen. Der kühle Wind streifte mich zart über die Wange und die blonden Löckchen des Mädchens fingen an zu tanzen. Schmiegsam und federleicht, flogen sie nach allen Seiten. Sie sammelte ihre Murmeln ohne Hast und Eile, dennoch gezielt und konsequent ein, so wie es Kinder nun einmal tun. Mich nahm sie nicht mehr wahr. Dann stand Sie auf, drehte sich noch einmal um und ging langsam und voll Stolz und Natürlichkeit an mir vorbei. Ich blickte Ihr noch lange nach, doch dann wurde Sie von dem großen Haus verschlungen, wie von einem hässlich befensterten, grauen Haifisch. Die ersten Regentropfen fielen vom Himmel, wie aus dem Traum geweckt, atmete ich tief durch und wollte mich auf den Heimweg machen. Aber da, unter der gelben Blume sah ich etwas glitzern und meine Hand griff danach. In der hohlen Hand hielt ich eine kleine, bunte Murmel, schön und einsam. Meine Augen suchten vergeblich nach dem blonden Geschöpf. Ich steckte die Murmel in meine Manteltasche, stellte den Kragen hoch und lief heim. Der Regen wurde immer intensiver, mir kam es vor, als würden abertausende von Murmeln herunter prasseln. Ich sah nichts mehr, die Nässe konnte ich nicht spüren, aber zwischen meinen Fingern vernahm ich ein merkwürdiges Prickeln. Ich hielt inne und betrachtete erneut die Murmel. In Ihr bewegten sich hunderte von Schwänen auf einem Seerosenteich und es schien, als würden Sie tanzen. Aus kleinen Wolken fielen Sterne hernieder und in Nu verwandelten sich die Schwäne in wunderschöne elfengleiche Wesen. Keine glich der anderen und dennoch waren Sie in ihrem Tanz eins. Sie winkten mir zu und riefen meinen Namen. Aber was hatte das zu bedeuten, woher kannten Sie meinen Namen und was wollten Sie von mir? Die quietschenden Reifen eines Autos holten mich in die Realität zurück. Ich stand mitten auf einer belebten Kreuzung, als die letzten Regentropfen auf meiner Nase zerplatzten und meine Augen einen zarten Strahl der wiederaufkommenden Sonne erblickten. Dann in der weiten Ferne, unerreichbar, zauberhaft und sinnesbetäubend, sah ich eine Fülle von wundervollen Farben. Sie waren zart und intensiv zugleich, flossen über, zogen von Gelb wie die Sonne, ins Rot wie das Feuer. Ein Bogen überzog den Horizont und endete im Grün, was dem Gras glich und einem azurblau des Meeres. Dann begann ein Hupkonzert, die Fensterscheiben der Autos wurden heruntergekurbelt und alle schrieen durcheinander. Sie beschimpften mich und ich sah zu, das ich von der Kreuzung kam. Ich suchte mir eine Häuserecke, zog die Murmel erneut aus meiner Tasche und fühlte mich als hätte ich den Regenbogen in der Hand. Langsam wurde mir klar, dass es keine gewöhnliche Murmel war, es war eine besondere, wenn auch nur für mich. Ich freute mich wie ein Kind, über die Murmel, den Regenbogen, die Sonne und ich freute mich für die Regenwürmer. Die Begegnung mit dem kleinen Mädchen und Ihrem Lächeln machten aus einem ganz normalen Tag, einen unvergesslichen.